Zu Gast bei Stifter – Elisabeth Reichart

Bei der Mittagslesung Linz09 im Stifterhaus brachte Elisabeth Reichart heute drei Abschnitte aus ihren letzten drei Romanen, die alle mit Essen zu tun hatten. Eine interessante Idee, die präsentierten Teile einer Lesung mit einem roten Faden zu verbinden, zumal es ja nach der Lesung immer eine Suppe als Mittagessen gibt. Und erst recht, weil Stifter das Essen sehr wichtig war.
Mir haben die beiden ersten Teile sehr gefallen, der dritte war eher nicht so toll, weil allzu schwer verständlich ohne das Drumherum, obwohl sie sich bemüht hat, uns durch mehrere eingeschobene Erklärungen den notwendigen Kontext zu vermitteln. Da war ihr wohl der „rote Faden“ wichtiger als die Auswahl eines aussagekräftigen Stückes. Bei der Kraft und Tiefe der beiden ersten Ausschnitte leicht zu verschmerzen. Einen Lacherfolg erzielte sie mit ihrem mitgebrachtem Schoßhund, der wie von ihr angekündigt den Applaus durch Bellen verstärkte, nachdem er während der Lesung selbst ganz ruhig geblieben war.

Wie immer habe ich mich vor der Lesung kurz im Internet über die Autorin schlau gemacht. Google zeigte gleich nach einem Wikipedia-Eintrag auf eine Kritik ihres Werkes, die ich mir zu Gemüte geführt habe. Oh Schreck, ein schlimmer Verriss.
Mit sehr hochgestochenen Argumenten versucht da der Germanist Michael Dobstadt ihre Arbeit zu demontieren.
Da ich, was die hohe Kunst, insbesondere auch in der Hochliteratur, eher ein Laie bin, nahm ich die anspruchsvoll wirkende Darstellung zunächst einfach so hin, und war um so mehr gespannt auf die Lesung.
Als ich mir den Text, insbesondere die Reichart-Zitate, die die literarischen Qualitätsmängel anprangern sollten, aber noch mal genauer durchlas, bemerkte ich, viel Wind um wenig Substanz. Tatsächlich war das ganze Essay in der Art, wie wir es im Gymnasium seinerzeit bei unserem genialen Deutschlehrer gelernt hatten. Aufgabe: gegeben ein Text eines berühmten Autors, schreiben Sie einen Verriss. Oder gegeben ein Artikel aus der Bildzeitung, schreiben Sie eine Analyse, die die besondere Qualität dieses Textes in den Himmel lobt. Kein Problem war das damals für mich und brachte mir manche gute Note ein. Mein Eindruck: da will sich jemand einen Namen als Kritiker oder Germanist verdienen, und dazu schnappt er sich, was er findet und schreibt sein Essay.
Wenn ich an die anderen Verrisse denke, die ich in letzter Zeit gelesen habe (zB über Mosebach, Stelzhammer), kommt mir der Gedanke: Vielleicht ein Zeichen für einen Autor, der es wirklich geschafft hat in die oberen Ränge des Literaturbetriebes…

Sei es drum, die Lesung war super, jedenfalls die ersten zwei Drittel.

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