Arkadi und Boris Strugatzki: Werkausgabe bei Heyne Band 4

Noch so ein dicker Wälzer! Der vierte enthält gleich 5 Romane.
In den letzten Tagen habe ich verschlungen:
Fluchtversuch
Es ist schwer, ein Gott zu sein
Unruhe

(Noch vor mir habe ich Die dritte Zivilisation und Der Junge aus der Hölle.)

Fluchtversuch ist eine eher heiter beginnende Geschichte, aufgezogen als klassische SF, die sich aber bald sehr ernsthaft mit der damals (Anfang der Sechziger des letzten Jahrhunderts, erste Sputniks und allererste Anfänge der Raumfahrt) von einiger Wichtigkeit erscheinenden Frage beschäftigt: Darf man sich in die Entwicklung der Gesellschaft auf anderen Planeten einmischen oder nicht, und wie geht man damit um?
Heute lächeln wir darüber, denn niemand rechnet mehr ernsthaft damit, jemals auf besiedelte Planeten im Weltraum zu treffen…
Aber die Geschichte wird durch die heute nicht mehr relevant gesehene Fragestellung nicht überflüssig, denn sie reflektiert auch gleich über unsere irdische Entwicklung. Und auch da haben sich die Autoren damals wohl ziemlich getäuscht, denn die erwartete idealkommunistische Gesellschaft ist keineswegs längst Realität, sondern in weite Ferne gerückt und vielleicht für immer gescheitert. Das hätten sich die Autoren wohl nicht denken können, und auch nicht schreiben dürfen. Aber für uns ist es ein Anlass, darüber nachzudenken, warum diese Ideale nicht funktioniert haben…

Der zweite Roman Es ist schwer, ein Gott zu sein behandelt das gleiche Thema, auf ähnliche Weise, wenn auch sehr viel ausführlicher und weniger leicht, das ist eher schwerer Tobak, was uns da für ein Spiegel vor Augen gehalten wird: Denn die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen auf diesem Planeten trifft ja nicht nur unsere mittelalterliche Vergangenheit, wie im Text vielfach explizit verglichen wird – sondern (leider!) genauso hart auch unsere jetzige Gesellschaft, egal ob in Ost oder West.
Die Menschen sind halt nicht gut…

Der dritte Roman Unruhe hat mich ziemlich irritiert. Die erste Seite kam mir so bekannt vor… bis ich kapierte: Das ist doch Die Schnecke am Hang! Nur die Namen der Personen sind anders… Und wie in die Schnecke am Hang gibt es zwei parallele Erzählstränge. Der Teil, der im Wald spielt, ist fast identisch bei beiden Romanen. Der andere Teil, der in der Verwaltung spielt, ist hier in Unruhe viel kürzer, und teilweise vollkommen anders. Es gibt da nur sehr wenig Überschneidung, eher eine begnadete Ergänzung: Würde man die wenigen doppelt erzählten Stellen herausstreichen, könnte man einen Gesamtband draus machen… der einem meiner All-Time-Favorites, dem Roman Die Schnecke am Hang, einen interessanten Aspekt hinzufügen würde.
Jedenfalls wieder sehr lesenswert!
Noch eine Irritation: Im Nachwort von Boris geht der Autor mit keinem Wort auf den Roman Die Schnecke am Hang ein… seltsam, aber der Text passt doch genau hinter das Nachwort zu Die Schnecke am Hang. Es stellt sich also heraus, wenn man beide Nachwörter zusammennimmt, dass der Roman in der Fassung Unruhe die Originalfassung ist, von Anfang der Sechzigerjahre, aber so von dem Autorenpaar verworfen worden war. Die überarbeitete Version hieß dann Die Schnecke am Hang, die aber ihrerseits eine verworrene Geschichte der stückweisen Veröffentlichung hatte, wegen der damals strikten kommunistischen Zensur. Erst nach der politischen Wende (späte Achtzigerjahre) wurde dann die Urfassung Unruhe von den Brüdern für doch gut befunden und nachträglich herausgebracht… interessant.

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