Josef Mostbauer: Zwischen Brücken

Ein ganz aktueller Roman (2014!).
Von den ersten Seiten an war ich drin, in dieser Geschichte, die die Jugendjahre, das Erwachsenwerden, und die erwachsene Zeit des Protagonisten erzählt, der wohl so ziemlich gleichalt sein muss wie ich bin. Das wühlt viele Erinnerungen auf, denn der Erzähler lässt die alten Zeiten, die sechziger, siebziger, achtziger Jahre so intensiv, farbig, plastisch auferstehen, dass ich mich dem nicht entziehen konnte und das Buch in einem Rutsch (mit Pause für’s Abendessen) durchgelesen habe.
Auch die Erinnerungen an den Vater, und dessen Erinnerungen, vor allem an die Kriegszeiten, sind sehr wichtig, andererseits die Themen der jeweiligen Zeit. Vielfach durch geschickt erwähnte Besonderheiten von diesen Jahren gezeichnet, vor allem aber immer wieder durch die jeweils aktuelle Musik, natürlich in erster Linie der Popmusik. Da könnte man beim Lesen richtig sentimental werden, aber dazu lässt der Autor es nicht kommen. Denn man spürt die ganze Zeit: da stimmt was nicht, das läuft nicht wirklich so gut, das steuert auf einen Abgrund zu… Obwohl man zunächst nicht festmachen kann, was genau das Problem ist. Dazu gibt es ja auch viel Positives. (Mein persönliches Sahnehäubchen war die zweimalige Erwähnung eines rundlichen Mädchens mit sehr kurzem Röckchen…) Aber doch… immer weiter, aber was fehlt?
Nach der Hälfte etwa habe ich mal innegehalten und drüber nachgedacht: warum fühlt man sich nicht wohl, wenn man die Welt durch die Augen des Johnny Winter sieht?
Meine Erklärung ist: Unerfüllt. Der Johnny ist unerfüllt, nicht nur sexuell, das vielleicht am wenigsten, aber überhaupt: schulisch, beruflich, seine Freundschaften, seine Eltern, alles irgendwie – nicht zufriedenstellend, eine Unruhe, eine Suche, aber die Erfüllung bleibt aus. (Auch den Leuten um ihn herum scheint es nicht anders zu gehen.)
In der zweiten Hälfte dann wird das Problem, Johnnies persönliches Problem, explizit dargestellt – ich möchte hier nichts verraten… nur: es bleibt packend bis zum Schluss.
Für die Story und die dichte Athmosphäre, die gleichzeitig minimalistisch-sparsame und doch so farbige Erzählweise gibt’s die volle Punktzahl! (Nur ein Scherz, steht mir wohl kaum zu das zu beurteilen…)
Weniger sicher bin ich mir mit der sprachlichen Form des Romans: Hier gibt es sehr verschiedene Stile, die sich – für mich – nicht überall schlüssig verbinden. Besonders die ersten Seiten sind wie ein buntes Kaleidoskop, was seinen Reiz hat, später aber gibt es eher „normaleren“ Erzählstil. Und eine anstrengende Art der „Rückblende“, bzw besser gesagt des zwischen verschiedenen zeitlichen Erzählsträngen Hin- und Herspringens. Manchmal wird der Leser mit Hilfe stenografisch kurzer Aufzählung von geschichtlichen Eckpunkten auf eine bestimmte Zeit eingestimmt, manchmal sogar einfach per Jahreszahl, dann wieder kommt man erst nach einer Seite Text drauf, dass der aktuelle Abschnitt 30 Jahre früher spielt als der letzte…
Das ist zwar etwas anstrengend, macht aber auch Spaß. Nur hätte ich das etwas konsistenter durchgezogen, denke ich mir…
Insgesamt ein absolut lesenswertes und genießenswertes Buch, insbesondere für Leute, die zur Zeit der Stones und Pink Floyd in die Schule, Lehre oder Uni gegangen sind…

Josef Mostbauer: Zwischen Brücken – Roman. BoD Norderstedt 2014

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